Geschichte Spicklingsweiber

Verfasser: Wolfgang Schütz

Die Weiber

Kleidung der "Spicklingsweiber": Die traditionelle Kleidung der wohlhabenderen Bürgersfrauen mit Gold-bzw. Silberhaube und Biedermeier-Kaschmirschal war noch in einigen Exemplaren ins 20. Jahrhundert herübergerettet worden. Im Stadtmuseum haben wir noch ein paar alte Gold- bzw. Silberhauben. Diese Hauben waren in den süddeutschen Städten in vielen Varianten verbreitet.
Schon auf Portraits des späten 18. Jahrhunderts werden sie zum Beispiel von der Frau des Bürgermeisters Johann Baptist Gall getragen. Die Hauben wurden um 1800 von den Töchtern des Schneiders Jakob Preisle angefertigt, die "auf dem Plan" gleich neben dem Storchenturm wohnten. Das "Universallexikon von Württemberg" stellte noch 1834 fest, daß die Weilerinnen im Gegensatz zu den Frauen der pietistisch geprägten Nachbarorte in ihrer Tracht die bunten Farben liebten. Nach dem Ende der Biedermeier-Zeit (nach 1848) kam diese Kleidung allmählich aus der Mode. Bestimmt wurden aber die schönen Stücke von älteren Damen noch darüber hinaus "aufgetragen". Als das historische Bewusstsein im Laufe des 19. Jahrhunderts in breiteren Bevölkerungskreisen wuchs und man begann, die alte Zeit nostalgisch "nachzuspielen", besann man sich auch auf die alte Frauentracht und trat zuweilen seit den 1920er Jahren öffentlich damit auf. Besonders im Umfeld des Keplerjubiläums 1930, als man auch in Weil das zarte Pflänzchen "Tourismus" zu pflegen begann, setzte die Stadtverwaltung zuweilen zwei Paare in nachgeschneiderter Bürgertracht zum Empfang von auswärtigen Besuchern am Bahnhof ein.
Am Fasnachtsumzug von 1937 nahm dann zum ersten Mal eine Frauengruppe als Spicklingsweiber teil. Das heißt: Irgendjemand (vielleicht der Umzugserfinder Heinrich Pflaum oder doch wohl eher eine pfiffige Frau!) hatte die Idee, die beiden Traditionsstränge "Goldhaubentracht" und "Spickling" miteinander zu verflechten.